OLG Bamberg vom 23.02.1987
7 UF 148/86
Normen:
BGB § 1671 ;
Fundstellen:
DRsp I(167)345d-e
FamRZ 1987, 509

OLG Bamberg - 23.02.1987 (7 UF 148/86) - DRsp Nr. 1992/7475

OLG Bamberg, vom 23.02.1987 - Aktenzeichen 7 UF 148/86

DRsp Nr. 1992/7475

d-e. Anordnung gemeinsamer elterlicher Sorge nach Ehescheidung: (d) Voraussetzungen und Abwägungskriterien; (e) erforderlicher übereinstimmender Wunsch der Eltern.

Normenkette:

BGB § 1671 ;

»... Mit dem OLG Karlsruhe (FamRZ 1987, 89, m. w, N.) ist der Senat der Überzeugung, daß gemeinsame elterl. [elterliche] Sorge nach Scheidung nur dann angeordnet werden kann, wenn neben weiteren Voraussetzungen der übereinstimmende Wunsch der Eltern nach einer solchen Regelung besteht. Dieser Überzeugung liegen folgende Überlegungen zu grunde:

Vom theoretischen Ansatz her, d. h., ohne Argumente aus der täglichen, von Scheidungsrichtern erlebten Praxis mit einfließen zu lassen, ist die gemeinsame elterl. Sorge nach Scheidung als die beste, weil die betroffenen Kinder am wenigsten schädigende Lösung bei Sorgerechtsentscheidungen einzustufen; denn:

Am besten werden Kinder von verheirateten, die Ehe als sittliche Lebensgemeinschaft bejahenden Eltern gemeinsam erzogen (BVerfG, FamRZ 1971, 421 ). So nämlich wird eines der wichtigsten Ziele der Erziehung, das Heranwachsen zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit, die fähig ist, in einer Gemeinschaft zu leben, am ehesten erreicht (BVerfG, FamRZ 1982, 1179 [hier: I (167) 292 b-c]; 1968, 578).

Die mit jeder Trennung und Scheidung der Eltern verbundene Schädigung der Kinder (so das BVerfG in ständ. Rechtspr., etwa FamRZ 1982, 1179) ist dort am geringsten, wo ein möglichst großer Rest des vor Auflösung der elterl. Familie bestehenden Gefühls der Sicherheit und Geborgenheit und der vorhandenen Bindungen und Beziehungen bewahrt werden kann (BT-Drucks. 8/ 2788, S. 61..). Gerade von den Verlusten in diesem Bereich gehen nämlich die Gefahren und Schädigungen für die durch Trennung und Scheidung ihrer Eltern betroffenen Kinder aus.

Den vorstehend beschriebenen Verlust hält die gemeinsame elterl. Sorge nach Scheidung in den Fällen, in denen sie anwendbar ist, unbestreitbar am geringsten. Das Kind kann sich weiterhin von beiden Eltern geliebt und betreut fühlen und muß sich nicht für und damit zugleich gegen einen Elternteil entscheiden. Statt das Zerbrechen seiner Familie zu erleben, erfährt es nur eine Veränderung derselben, und es hat auch, wie § 1626 Abs. 2 BGB aus Gründen des Kindeswohls fordert, noch beide Eltern als Ansprechpartner in wichtigen Lebens- und Erziehungsfragen. Kehrseite der [vorstehend gewonnenen] Erkenntnis unter ist, daß eine in nicht geeigneten Fällen angeordnete gemeinsame elterl. Sorge nach Scheidung das Wohl des Kindes in weitaus größerem Maße gefährdet, als dies bei der Übertragung der elterl. Sorge auf nur einen Elternteil der Fall sein könnte. Denn bei der gemeinsamen elterl. Sorge nach Scheidung zerren, um durch dieses Bild die Problematik zu verdeutlichen, vom Recht her gleich starke Kontrahenten am Kind, während ein Elternteil, dem die elterl. Sorge allein zugeteilt wurde, eine derart überlegene Position hat, daß sich zwischen ihm und dem anderen Elternteil ein das Kind vergleichbar belastendes und schädigendes Spannungsfeld gar nicht aubauen kann. Zudem orientiert sich in der Mehrzahl der Fälle ein Kind zum Inhaber der elterl. Autorität, also dem Elternteil, dem die alleinige Sorge zugeteilt wurde. Durch diese Hinwendung zu dem einen Elternteil kann das Kind im Falle eines Streites seiner Eltern nicht in derart starke Gewissenskonflikte geraten, wie dies einem Kind geschehen kann, das beiden Eltern in gleicher Zuneigung verbunden ist.

Wegen dieser »Janusköpfigkeit« der gemeinsamen elterl. Sorge nach Scheidung muß das Wächteramt des Staates mit besonderer Sorgfalt ausgeübt werden, ehe eine solche Sorgerechtsregelung getroffen wird. ... Auch ein übereinstimmender Vorschlag der Eltern kann durch völlig andere Motive als das Wohl der Kinder veranlaßt sein, und eine sorgfältige Nachprüfung, wie sie auch das BVerfG fordert (FamRZ 1982, 1179), kann durchaus erbringen, daß die Anordnung der gemeinsamen elterl. Sorge nach Scheidung Kinder auf Dauer zum Kampfplatz ihrer zerstrittenen Eltern machen würde. Eine gegen den Willen eines Elternteils getroffene Sorgerechtsregelung kann daher nur als grobe Gefährdung des kindlichen Wohls gesehen werden, läßt doch ein solcher Unwille häufige, das Kind wegen der ausgeglichenen Stärke der Streitenden besonders belastende, Auseinandersetzungen befürchten. ...«.

Fundstellen
DRsp I(167)345d-e
FamRZ 1987, 509